Januar 2014

Pink Martini: Get Happy

Ich räume ein, dass ich vielleicht nicht der objektivste Rezensient für Pink Martini Alben bin. Als Lieblingsinterpret hat Pink Martini bei mir generell schon mal einen ganzen Korb von Vorschusslorbeeren. Dennoch ist es nicht übertrieben zu sagen, dass Get Happy wieder ein überaus gelungenes Album geworden ist.

Es ist eine Reise um die Welt und fesselt einen mit Melodien und Texten aus den verschiedensten Kulturen auf Englisch, Französisch, Chinesisch, Japanisch, Spanisch, Farsi, Türkisch und Rumänisch, ohne jedoch einen gemeinsamen Kontext vermissen zu lassen.

Charlie Chaplin's "Smile", das die 95-jährige Phyllis Diller mit Pink Martini aufnahm, war ihre letzte Aufnahme, bevor die Stand-Up Comedy-Pionierin im August 2012 verstarb.

Auch für dieses Album arbeitete Pink Martini wieder mit anderen Künstlern zusammen, wie z.B. mit Rufus Wainwright, den Urenkeln der Trapp-Familie, den The Von Trapps, dem französischen Liedermacher Philippe Katerine, dem Revuestar Meow Meow (Melissa Madden Gray) und (wie auch schon bei Splendor in the Grass) mit dem außerordentlich attraktiven und offen schwulen National-Public-Radio-Korrespondenten im Weissen Haus Ari Shapiro.

Eine klitzekleine Kritik muss ich jedoch anbringen: Der 7. Titel Zundoko tanzt vom Stil etwas aus der Reihe und passt meiner Meinung nach nicht ganz in den gesamten Blumenstraus der anderen Lieder. Im ersten Moment fand ich es den schwächsten Titel auf der CD. Aber vielleicht muss ich mich auch erst noch daran gewöhnen, denn es wird bei jedem Hören besser. Es gibt ja immer wieder Lieder, in die man sich erst reinhören muss, die dann oft sogar zu Lieblingsliedern werden.

Man soll positive Rezensionen ja immer auch mit etwas positivem beenden. Daran möchte ich mich halten: Das neue Album Get Happy ist wunderbar gelungen und ist sehr Pink-Martiniig (falls es dieses Adjektiv geben sollte). Die Melodien sind eingängig und gefallen schon beim ersten Hören. Liebhaber von Pink Martini werden jedenfalls absolut nicht enttäuscht sein - und ja, es macht wirklich happy!

Abwechslung
Happiness
Gesamt

DLNA, Samsung SmartTV und der Schnellvorlauf

Eigentlich ist das Streaming von Videos per DLNA auf einen Samsung SmartTV eine ganz schöne Sache. Doch es gab für mich lange ein großes Ärgernis: Wenn ein Film über DLNA abgespielt wird und man auf ►► oder ◄◄ drückt, also den schnellen Vorlauf oder Rücklauf, und erwartet, dass (wie beim Abspielen einer DVD) eben jenes geschieht, kommt die Meldung "Funktion nicht verfügbar".

Einige Monate habe ich mich damit abgefunden, in Videos über DLNA weder Spulen noch an eine bestimmte Stelle springen zu können. Aber es ließ mich nicht in Ruhe, ich konnte mir nicht vorstellen, dass das nicht gehen soll. Durch empirische Studien habe ich herausgefunden, dass Vor- und Rücklauf über die "Cursortasten" funktioniert, die eigentlich für die Navigation in Menüs vorgesehen sind. Ich verstehe zwar nicht, wieso Samsung das so gemacht hat, und vor allem, wieso es bei DVD mit anderen Knöpfen funktioniert als bei DLNA, but anyway ...

An eine beliebige Stelle springen geht übrigens auch: Taste "Tools" drücken, und dort dann die "Zeitsuche" auswählen. Dann Zeit eingeben, "Enter drücken", et voilà.

Daher (falls ich es irgendwann mal wieder vergesse, oder jemand anderes die selben Probleme hat):

Vorlauf geht mit der Cursortaste ▶

Rücklauf geht mit der Cursortaste ◀

An eine beliebige Stelle springen geht mit "Tools" und dann "Zeitsuche".

Hitzlsperger, Sotschi und die "Ideologie unter dem Regenbogen"

Die Nachrichten sind in diesen Tagen voll davon: homosexuelle Themen. Der Profifußballer Hitzlsperger hat sich geoutet. Eine Sensation! Zwei Tage lang bestand mein Facebook-Newsfeed ausschließlich aus Meldungen zu Hitzlspergers Coming-out und seinem Mut dazu. Es war sogar die zweite Meldung in der Tagesschau. Erschreckend, denn eigentlich sollte es etwas ganz normales sein, wenn jemand schwul oder lesbisch ist – gerade eben keine Sensation. Und einfach sich selbst zu sein, so wie man wirklich ist, sollte doch nun wirklich keinen Mut erfordern!

Dennoch bin ich Hitzlsperger außerordentlich dankbar für diesen Schritt, und ich erkenne seinen großen Mut an, als erster Profifußballer damit an die Öffentlichkeit zu gehen – wenn auch erst nach seiner aktiven Karriere. Vielleicht werden andere seinem Schritt folgen, denn zumindest rein statistisch gesehen befinden sich mindestens zwei Schwule in jeder Mannschaft. Doch wird es auch für die nächsten nicht leicht sein – vor allem, wenn sie noch aktiv spielen. Einmal am Tor vorbeigeschossen wären aus der Fankurve wahrscheinlich wüste homophobe Beschimpfungen zu erwarten.

Die breite Unterstützung, die Hitzlsperger von allen Seiten bekommt, ist begrüßenswert, wenn auch scheinheilig: Wieso stimmte die Bundesregierung (zumindest die alte unter Union/FDP) gegen fast alle Gesetze, die etwas Gleichberechtigung gebracht hätten? Wieso will die Bundesregierung (also die neue unter Union/SPD) die Ungleichberechtigung nicht beenden? Aber bleiben wir beim Sport: Wieso vergibt man die Fußballweltmeisterschaft 2022 nach Qatar, und damit in ein Land, in dem Homosexualität unter Strafe steht? Wieso vergibt man die olympischen Winterspiele nach Sotschi, wo jegliches "Zurschaustellen" von Homosexualität, also etwa Händchenhalten, verboten ist? Hätte man mit der Vergabe der Winterspiele und der Fußball-WM nicht auch ein Zeichen setzen können? So lange hier noch mit zweierlei Maß gemessen wird, sind alle guten Reden der Funktionäre und Politiker reine Heuchelei.

Das große Unbekannte

Doch woher kommt diese Angst vor Homosexualität? Sie kommt – wie jede Angst vor etwas unbekanntem (Ausländerfeindlichket, Islamfeindlichkeit, Judenfeindlichkeit, ...) – eben daher, dass man dieses Fremde nicht kennt. Und Unbekanntes macht vielen Angst. Was läge darum näher, als das Unbekannte bekannt zu machen? Ja, Aufklärung und Information kann zeigen, dass das Fremde nichts schlimmes ist.

Wie bei all diesen Themen kann die Information hier nur so früh wie möglich beginnen. Wenn schon in der Schule gezeigt wird, dass Homosexualität etwas völlig normales ist, wird hoffentlich "Schwuchtel"/"schwul" als eines der häufigsten Schimpfwörter auf dem Schulhof verschwinden. Und es wird keinen Mut mehr erfordern, einfach nur sich selbst zu sein.

Homosexualität in die Lehrpläne

In Baden-Württemberg gibt es nun die Bestrebungen, Homosexualität in den Lehrplan mit aufzunehmen – und zwar ausführlicher, als nur das rein Technische im Biologieunterricht. Doch schon laufen die Reaktionären Sturm. Mit dem säen diffuser Ängste, die "Homolobby wolle ihre Kinder homosexualisieren", werden Unterschriften gegen die dringend notwendige und sinnvolle Änderung gesammelt. Doch diese Ängste sind natürlich vollkommener Schwachsinn. Jeder, der kurz einmal darüber nachdenkt, wird das auch selbst erkennen.

Es ist weder möglich, jemanden homosexuell zu machen, noch, ihn heterosexuell zu machen. Ich habe schon oft gehört von welchen, die angeblich homosexuell wurden. Doch war es vielleicht nicht eher so, dass sie ihr ganzes Leben schon homosexuell waren, aber nur eine heterosexuelle Rolle spielten, eben weil das Umfeld es so einfordert?
Oder Homosexuelle, die wieder hetero wurden – Halleluja, preiset den Herrn! Aber sind sie vielleicht immer noch homosexuell, trauen sich nur nicht mehr, dies auszuleben. Oder sie wollen eben nicht mehr die Exoten sein, die ständig Mut brauchen, einfach nur sie selbst zu sein, und spielen notgedrungen eine heterosexuelle Rolle, um dem Druck der Gesellschaft zu entgehen?!

Woher kommen diese Ängste, man könne jemanden schwul machen? Ist die heterosexuelle Liebe ein so fragiles und unattraktives Konstrukt, dass zu befürchten ist, dass jeder sich dieser Sache abwendet, sobald er eine bessere Alternative findet? Wie Eltern, die ihrem Kind täglich nur Spinat geben und Angst haben, das Kind könnte Pizza, Schokolade oder Gummibärchen mögen, sobald es von deren Existenz Kenntnis erlangt? Wohl kaum, doch mit eben jener irrationalen Angst werten eigentlich die Gegner homosexueller Liebe ihre eigene Heterosexualität als unattraktiv ab.

Die Welt wird nicht untergehen, wenn in einer Matheaufgabe einmal "Manuela und Petra" zwei Pfund Äpfel für 2.50 Euro kaufen werden. Und wenn im Englischunterricht mal eine Geschichte vorkommt, in der "George and Peter" eine gemeinsame Wohnung suchen, wird kein Flammenmeer vom Himmel fallen. Aber es könnte helfen, dass Homosexualität etwas normales wird. Und dass Jugendliche sich nicht viele Jahre anders, nicht zugehörig oder ausgeschlossen fühlen, und mit der Angst leben müssen, was alles schreckliche passieren könnte, wenn jemand erfährt, dass sie jemanden des selben Geschlechts attraktiv finden.

Aber es macht kein heterosexuelles Kind homosexuell. Punkt. Es hilft allenfalls homosexuellen Kindern, leichter mit ihrer Situation umzugehen. Und wer sollte ernsthaft wollen, dass Kinder es schwer haben? Eine vier mal höhere Suizidrate unter homosexuellen Jugendlichen zeigt, dass es eben nicht einfach ist, einfach nur schwul zu sein, in einem Klima, in dem "Schwuchtel" ein häufiges Schimpfwort ist, und Homosexualität in der Schule am liebsten unter den Tisch gekehrt werden soll. Und es zeigt auch, dass es Handlungsbedarf gibt.

Sexualität: Hetero (default)

Doch es muss eigentlich noch viel weiter gehen. Eine Rechenaufgabe mit Homo-Paar greift nicht weit genug. So lange es immer wieder Überwindung kostet, sich selbst zu sein, gibt es noch Handlungsbedarf. "Jungs spielen mit Autos", "Männer weinen nicht", "Mädchen spielen mit Puppen", "Hast Du schon eine Freundin?" oder dann später: "Bringen Sie doch ihre Freundin zu dem Geschäftsessen mit" ...

Schon im Sandkasten wird einem von allen Seiten vermittelt, "wie man zu sein hat". Man wird geprägt von den Erwartungen, die an einen gestellt werden, und natürlich erst recht, dass man heterosexuell zu sein hat. So lacht es die glückliche Familie von der Margarinewerbung, so lernt man es im Kindergarten, so sieht man es im Kinderfernsehen, so zeigen es die Schulbücher ... Und so lange braucht es auch noch Mut, eben nicht diesen Erwartungen zu entsprechen. Etwa 10% bis 20% der Menschen haben homosexuelle Empfindungen. Laut Kinsey sogar bis zu 50%. Wäre es daher nicht logisch, wenn dann auch ein paar Prozent der glücklichen Familien in der Werbung homosexuell wären? Wenn der Schwule im Film nicht nur die extrovertierte (will meinen "exotische") Tunte ist, sondern einfach mal ein ganz normales Paar? Und wenn ein paar Prozent der Paare in Matheaufgaben gleichgeschlechtlich sind? Es würde ja nur die Gesellschaft wiederspiegeln, in der die Kinder aufwachsen. Nur halt als etwas normales, und nicht als etwas, für das man sich am liebsten schämen sollte.

Es soll ja auch keinesfalls die Heterosexualität abgeschafft werden, wie dumme konservative Kräfte behaupten, um Ängste und Abneigung zu schüren. Es geht ja gerade nicht darum, nur das eine oder nur das andere toll zu finden. Es geht darum, Andersartigkeit anzuerkennen, nicht zu fürchten und sich gegenseitig zu akzeptieren und sich mit Respekt zu begegnen.

Es wirkt immer ein wenig wie ein Kampf zwischen "denen" und "uns". "Wir" gegen "Die". Von beiden Seiten aus gesehen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, allen die gleichen Rechte zuzugestehen. Es geht darum, zusammen sich gegenseitig Respekt zu zeigen. Und solange es noch Menschen gibt, die nicht verstanden haben, dass alle Menschen gleiche Rechte haben und dass Andersartigkeit keine Bedrohung ist, muss weiter aufgeklärt werden. Die aktuellen Diskussionen und Entwicklungen zeigen, dass man damit besser früher als später noch einen Gang zulegt ...

Grafik basiert auf Foto von Christian Neßlinger / pixelio.de


Wer eine Aufklärung schon in der Schule für sinnvoll hält, darf sich gerne an der Gegenpetition zu: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens beteiligen.

"Der Koch" von Martin Suter

Maravan ist ein 33-jähriger Tamile, der als Asylbewerber von Sri Lanka in die Schweiz geflohen ist und dort im Zürcher Sternelokal Huwyler niedere Küchendienste verrichtet. Dabei ist er ein begnadeter und sehr leidenschaftlicher Koch, der die traditionellen Rezepte seiner geliebten Großtante mit den modernen Verfahren der Molekularküche verbindet und so außergewöhnliche Gerichte schafft.

Doch sein Fachwissen ist im Huwyler nicht gefragt, er darf nur abspülen und Pfannen schrubben, nur die hübsche Andrea, die im Service arbeitet, nimmt Maravan in Schutz und will sich von ihm bekochen lassen. Da Maravan in Andrea verliebt ist, freut er sich sehr darüber und legt sich besonders ins Zeug. Er verwendet sein Wissen über traditionelle ayurvedische Aphrodisiaka, die in Kombination mit der molekularen Küche ihre Wirkung noch verstärkt zu zeigen scheinen.

Andrea ist danach verwirrt und geht ihm aus dem Weg – denn eigentlich liebt sie nur Frauen. Doch nach einiger Zeit erkennt Sie das Potential von Maravans Gerichten. Nachdem beide gekündigt wurden machen sie sich mit Love Food selbständig, einem Catering für Liebende.

Da die Gerichte nie die Wirkung verfehlen sind sie bald voll ausgebucht. Doch weil Maravan nur ein Asylbewerber ist, kann kein Gewerbe angemeldet werden und die ganze Sache läuft schwarz. Schnell haben sie die gehobenen und einflussreichen Kreise als Kunden: Politiker und Industrielle, die nicht immer eine vollkommen weiße Weste haben.

Für den gläubigen Hindu Maravan kostet es einige innere Überwindung, seine Gerichte auch für Nicht-Ehepaare anzubieten. Doch er benötigt Geld. Geld, das er zu seiner Familie nach Sri Lanka schicken kann. Geld für seine geliebte, aber schwerkranke Großtante, die dringend Medikamente braucht. Geld für seine Erpresser, die den schrecklichen Bürgerkrieg in der Heimat finanzieren wollen, und ihm drohen, seine unangemeldete Gewerbetätigkeit zu melden.

Ja, der Bürgerkrieg in Maravans Heimat belastet ihn schwer und die Sorgen um seine Familie dort. Es ist ein schlimmer Bürgerkrieg aus der Dritten Welt, der in den Medien unserer "Ersten Welt" keinerlei Beachtung findet, und der letztendlich auch das Leben von Familienangehörigen kostet.

Zur Kundschaft von Love Food gehört auch ein Waffenhändler, und somit bekocht Maravan den Waffenlieferanten derer, die den Krieg in seiner Heimat am Laufen halten. Da schmiedet Maravan einen diabolischen Plan für das nächste Catering ...

Der Koch ist das erste Buch von Martin Suter, das ich gelesen habe, aber ich habe es förmlich verschlungen. Sehr detailreich wird beschrieben, wie Maravan mit viel Leidenschaft kocht, und auch alles andere ist sehr detailreich, aber sehr kurzweilig und interessant beschrieben. Das Buch hat keine langweiligen Passagen, und man möchte es am liebsten gar nicht mehr weglegen. Man lernt die zwei Hauptpersonen Andrea und Maravan sowie ihre Partner gut kennen, und meint, sie schon eine ganze Ewigkeit gekannt zu haben. Gleichzeitig geht die Handlung auch immer wieder auf reale Begebenheiten ein, wie z.B. die Bankenkrise, die Wahl Obamas oder auch den Amoklauf in Winnenden.

Auch sehr viel Hintergrundwissen über die Situation in Sri Lanka ist in das Buch eingeflossen und zeigt, dass hier sehr viel seriöse Recherchearbeit getätigt wurde, ohne jedoch belehrend den Zeigefinger zu heben.

Es ist interessant, wie sich verschiedene (zuerst relativ unabhängige) Handlungsfäden immer weiter ineinander verweben und am Ende in einem Faden aufgehen.

Und als Bonus sind alle Rezepte für die verführerischen Mahlzeiten im Anhang angeführt. Das macht Lust aufs Nachkochen.

Ein tolles Buch in einer schönen und klaren Sprache, das ich nur wärmstens empfehlen kann. Daher gibt es auch alle 5 Sterne.

Bewertung

Image of Der Koch (detebe)
Autor: Martin Suter
Verlag: Diogenes (2011)
Bindung: Taschenbuch, 320 Seiten
Preis: EUR 12,00

Wenn an Schwob in Berlin a Häusle baut ...

Ein Freund und sein Lebenspartner bauen gerade ein Haus mit dem berliner Bauträger HS-Solid Bautreuhand GmbH & Co. KG. Man mag sich gar nicht vorstellen, welche Erfahrungen man dabei mit seinen Vertragspartnern machen kann. Die beiden haben sich darum entschlossen, ihre Erfahrungen für die Nachwelt in einem Blog festzuhalten.

... and now, without further ado, please welcome the blog

Bautagebuch Town & Country Stadtvilla 145 ZD

Wieso Kafka an Vodafone seine hellste Freude hätte

Franz Kafkas Werke vermitteln häufig ein Gefühl des Ausgeliefertseins an anonyme und bürokratische Mächte, der Absurdität, der Ausweg- und Sinnlosigkeit. Wie in einem Albtraum bewegen sich Kafkas Protagonisten durch ein Labyrinth undurchsichtiger Verhältnisse und sind anonymen Mächten ausgeliefert.1 Doch auch wenn Kafka schon seit 90 Jahren verstorben ist, scheint der Geist seiner Werke in der Kundenbetreuung bei Vodafone weiterzuleben und neue Blüten zu treiben.

Prolog

Ich wurde Anfang 1998 Mobilfunk-Kunde bei D2-Mannesmann, und war mit Leistung und Service sehr zufrieden. Doch Vodafone schnappte nach mir, indem es einige Zeit später D2-Mannesmann aufkaufte und mich als Kunden übernahm. Und damit begann dann auch der Tragödie erster Teil.

So um 2000 wollte ich telefonisch einen Handy-Vertrag wenige Tage vor Ende der Kündigungsfrist kündigen. Am Telefon sagte man mir, dass das nur schriftlich gehe, und dass das Datum des Poststempels zähle und ja auch noch ein paar Tage Zeit wäre, dann ginge alles in Ordnung. Also kündigte ich auch per Brief und brachte den Brief direkt auf die Post, so dass er noch am selben Tag (und damit auch noch locker innerhalb der Kündigungsfrist) abgestempelt wurde.

Als dann aber trotzdem noch Rechnungen für diesen Vertrag kamen, rief ich nochmal an. Anscheinend sei mein Brief nie angekommen. Doch die Dame am Telefon sagte mir, dass ich ja auch hätte anrufen können, um zu kündigen. Das wäre sogar noch ein- bis zwei Tage nach der Frist angenommen worden, aber jetzt seien es schon 8 Tage, da könne sie nichts mehr machen.

So bezahlte ich ein Jahr für einen Handy-Vertrag, den ich gar nicht mehr nutzte. Fühlte mich bei der Sache aber etwas verarscht.

Exposition

Im Mai 2004 hatte sich mein Handy-Vertrag verlängert, und ich hatte Anspruch auf ein neues subventioniertes Handy. Ich überlegte gleichzeitig, in einen anderen Tarif zu wechseln (ich nenne ihn mal Tarif B), und rief die Kundenbetreuung an, nur um zu fragen, ob ich den Anspruch auf das Handy auch hätte, wenn ich in den Tarif B wechsle. Der Herr am Telefon bestätigte, dass ich das könne, aber für den Tarifwechsel dann 25 Euro Bearbeitungsgebühren bezahlen müsste. Ich sagte ihm, dass ich gleich im Anschluß in den Vodafone-Shop gehe und dort dann ein neues Handy kaufen und den Vertragswechsel vornehmen werde.

Im Handyladen angekommen bot mir der Verkäufer einen anderen Tarif ("Tarif C") in einer Testaktion an. Der Tarifwechsel sei hier kostenlos, und ich könne innerhalb von 2 Monaten auch kostenlos wieder zurückwechseln. Da dies gut klang, wollte ich das neue Handy mit eben diesem Tarif C aus der Testaktion. Doch der Verkäufer überraschte mich damit, dass mein Tarif am selben Tag schon auf Tarif B umgestellt worden sei.

Ich sagte, dass ich nie den Auftrag dazu gegeben hatte, sondern nur gefragt hatte, und auch mehrere Anrufe des Verkäufers bei irgendwelchen Vorgesetzten konnten diese Umstellung auf Tarif B nicht rückgängig machen. Trotzdem nahm ich den Tarif C der Testaktion, bezahlte aber die 25 Euro für die Umstellung auf Tarif B, obwohl dieser gerade mal 1 Stunde aktiv war. Und nur fürs Protokoll: 25 Euro für die Katz' waren für mich als armen Studenten viel Geld, und da war auch wieder das Gefühl, von Vodafone verarscht worden zu sein.

Fuge

Da Tarif C doch teuerer war als Tarif B, und man ja durch die Testaktion innerhalb von 2 Monaten wieder kostenlos zurückwechseln könne, schrieb ich innerhalb der Frist noch an die Kundenbetreuung, dass ich nach Ablauf der zwei Monate doch wieder in den preiswerteren Tarif B zurückwechseln möchte.

Natürlich "kam mein Brief nie an", ich musste im teuereren Tarif C bleiben. Da war es dann wieder, dieses Gefühl von Vodafone verarscht worden zu sein. Und gleichzeitig die Frage, wieso meine Briefe angeblich nie ankommen, und wieso die Mitarbeiter am Telefon eigentlich gar nichts für einen ausrichten können, oder dies zumindest vorgeben.

Meinen Festnetzanschluß hatte ich in der Zeit bei Arcor, mit denen ich rundum sehr zufrieden war, und als Arcor mir auch ein sehr gutes Angebot für einen Mobilfunk-Tarif machte, kündigte ich froh und erleichtert bei Vodafone, und ließ mich auch durch die mehrfachen Anrufe mit Lockangeboten, um doch bei Vodafone zu bleiben, nicht mehr einwickeln. Ich wollte nach den schlechten Erfahrungen nur weg ...

Doch die paradiesischen Zustände bei Arcor nahmen ein jähes Ende: Vodafone kaufte schließlich auch Arcor, und somit gliederte mich Vodafone wieder in ihren Kundenbestand ein.

Retardation

Das ging dann eine Zeit zu meiner eigenen Überraschung ganz gut – was vielleicht auch daran lag, dass ich einfach in dem alten Arcor-Tarif blieb und es nichts zu regeln gab. Bis der Tragödie dritter Teil am Morgen des Freitag, den 13. Dezember 2013, durch einen Werbeanruf von Vodafon seinen Anfang nahm. "Freitag der 13." sagt in dem Fall eigentlich schon alles.

Mir, als "ganz treuem und langjährigem Kunden" wolle man ein schnelleres DSL verkaufen, und dazu Fernsehen über's Internet mit Festplattenrekorder und allem Pipapo. Und nur wenn ich gleich zusage und jetzt bestelle, sei das alles auch noch preiswerter, weil ich so ein treuer Kunde bin. Ich bat um eine Nacht Bedenkzeit, doch das sei nicht möglich, das Angebot gelte nur jetzt, aber ich könne ja innerhalb von 14 Tagen problemlos widerrufen, falls ich es doch nicht wolle.

Entgegen meinem eigentlich eisernen Grundsatz, am Telefon keine Geschäfte zu machen, ließ ich mich überrumpeln und stimmte zu.

Doch schon gleich nach dem Anruf wurde mir klar, dass ich das alles eigentlich gar nicht will, und regelrecht überrumpelt wurde. "Aber alles kein Problem", dachte ich, "schließlich habe ich bei Telefongeschäften ein gesetzlich verankertes Widerrufsrecht". So loggte ich mich in meinen Kunden-Account ein, fand im Menü den Punkt "Ich bin mit einem durchgeführten Tarifwechsel nicht einverstanden" und verfasste dort meinen Widerruf. (Der Status dieser Kontaktanfrage ist auch am heutigen Tag, fast 4 Wochen später, noch auf "in Bearbeitung")

3 Tage später hatte ich 2 Mails im Postfach, die mir die Umstellung bestätigten, nochmal mit der Widerufsbelehrung, und dass der Widerruf per Mail, Fax oder Brief zu erfolgen habe. "Sicher ist sicher", dachte ich, und wiederrief nochmal ausführlich und in aller Form per Fax an die in der Widerrufsbelehrung genannte Nummer, falls das Formular im Online-Kundencenter nicht formell genug war, und bat im Fax um eine Bestätigung des Widerrufs.

Am Nachmittag des selben Tages hat mir Vodafone dann erst mal das DSL ganz abgedreht. Ein Anruf beim Kundendienst versicherte mir aber, dass das nichts mit dem Widerruf zu tun hätte und eine Störung sein müsse, doch gleichzeitig versuchte der Herr am anderen Ende, mich doch nochmal von dem Wechsel zu überzeugen (bzw. davon, meinen Widerruf zu annulieren), was ich dieses Mal aber strikt ablehnte. Hilfe für mein DSL-Problem konnte man mir aber auch nicht bieten. Ich solle das Modem mal aus und wieder einschalten war alles, was ich auf meine Störungsmeldung erhielt. Dass ich das jedoch schon mehrmals gemacht hatte beeindruckte ihn nicht.

Zwei Tage später hatte ich einen Brief im Briefkasten, der mich über die Umstellung informierte, als seien meine beiden Widerrufe nie angekommen. Also schickte ich am 19. Dezember 2013 meinen Widerruf noch einmal traditionell per Post an die in der Widerrufsbelehrung genannte Adresse und hängte das Fax und einen Ausdruck des Online-Formulars mit an und bat um eine Bestätigung des Widerrufs.

Dann kamen die Weihnachtstage, die ich im inneren Frieden beging, dass nun der Widerruf angekommen sein muss.

Doch am 3. Januar 2014 hatte ich plötzlich schnelleres DSL, und laut dem Online-Kundencenter habe ich mittlerweile auch die Tarifoption Internet-TV aktiviert. Also wurde mein Widerruf offensichtlich wieder nicht bearbeitet.

Langsam kamen die Erinnerungen an die schlechten Erfahrungen der Vergangenheit wieder hoch, und ich beginne mir auszumahlen, wie es weitergehen wird. Und wieder kommt das Gefühl, dass ich auch dieses Mal wieder der Depp sein werde. Mit einem Unterschied, dieses Mal werde ich - sollte es nötig sein - durch alle Instanzen kämpfen. Und da ich in weiser Voraussicht (aus Schaden wird man klug) alles archiviert und dokumentiert habe, werde ich auch etwas in der Hand haben - sollte es nötig sein.

Da sowohl Online-Formular, Fax als auch Brief kein Gehör zu finden scheinen, schrieb ich am 6. Januar 2014 abends auf der Facebook-Seite von Vodafone Deutschland über mein Problem. Am 7. Januar 2013 bekam ich auch gleich morgens schon eine Rückmeldung vom Vodafone Facebook-Team. Man entschuldigte sich, gab mir den Link zu einem speziellen Online-Formular, in das ich mein Anliegen noch einmal schreiben solle, und dann würde man sich gleich darum kümmern. Ich füllte das Formular gleich aus und wartete den ganzen Tag auf eine Antwort.

Tagsüber kam dann der Paketbote und wollte mir den Festplattenfernsehrekorder und ein neues DSL-Modem zustellen. Ich verweigerte die Annahme und lies den verdutzen Paketboten alles wieder mitnehmen.

Gestern Abend fragte ich dann auch auf der Facebook-Seite mal nach, wie es mit der versprochenen Antwort aussieht. Heute morgen erhielt ich nochmal die Bitte, dass ich alles über ein Formular nochmal schicken soll - offenbar ist das Formular von gestern nicht angekommen?! Es ist wirklich kafkaesk absurd: Wenn schon meine Anfrage, ob mein Widerruf angekommen ist, nicht ankommt, wie soll ich da weitermachen?

Und da die ganze Maschinerie auch nach fast 4 Wochen nach meinem ersten Widerruf unvermindert weiterläuft, bin ich langsam echt am verzweifeln. Und ich kann mir schon genau vorstellen, wie es weiterläuft.

Was mache ich nur falsch? Wieso ignoriert/verliert Vodafone offenbar sämtliche Schreiben von mir?! Ich meine, ich bin nicht dumm, ich habe ein abgeschlossenes Unistudium mit guter Note, bin als Diplom-Informatiker eigentlich ganz gut in der Lage, mit Webformularen umzugehen, ich kann in meinem Beruf sämtliche Kommunikation bewältigen. Und auch mit allen anderen Firmen kann ich problemlos kommunizieren. Nur mit Vodafone nicht. Wieso???

Mögen die Götter mir gnädig sein und Vodafone bald zu einem Einlenken bewegen - andernfalls müssen es die Gerichte tun. Ein drittes Mal werde ich dies nicht einfach hinnehmen.

1 nach http://de.wikipedia.org/wiki/Kafka und http://de.wikipedia.org/wiki/Kafkaesk


Nachtrag vom 8. Januar 10.01 Uhr: Mittlerweile habe ich das Formular mit der Frage, ob mein Widerruf ankam, noch einmal abgeschickt, und sogar die Bestätigung erhalten, dass zumindest diese Anfrage ankam, und man sich innerhalb von 48 Stunden melden würde.
Solange dieser ganze Prozess sich nicht so lange hinzieht, bis die Frist verstrichen ist, um mir dann mitzuteilen, dass kein Widerruf ankam, und ich nun also diese Änderung zwei Jahre bezahlen muss, kann ich für die nächsten 48 Stunden erst einmal damit leben.


Nachtrag vom 8. Januar 11.42 Uhr: Das Internet-TV wurde mittlerweile storniert, die Verlängerung der Mindestvertragslaufzeit zurückgenommen, und mir als Entschädigung für den Ärger einen Monat Internet und Telefon gratis verrechnet.
So wie es aussieht wurde die DSL-Geschwindigkeit nicht wieder auf den alten Wert gedrosselt, was ich in meinem Widerruf eigentlich auch gefordert hatte. Mal Abwarten, ob das noch kommt. Wobei schnelles Internet vielleicht gar nicht so schlimm wäre.


Nachtrag vom 7. Februar 17.30 Uhr: Etwas überrascht bekam ich heute eine Rechnung die 50% höher ausfiel als bisher. Ich rief bei der Kundenbetreuung an. Offenbar wurde mein Widerruf doch nicht vollständig durchgeführt. Wir konnten uns aber einigen, dass ich die ca. 20 Euro, die zu viel berechnet wurden, wieder gutgeschrieben bekomme. Und das schnellere DSL kostet auch 3 Euro im Monat, obwohl ich das explizit ja auch widerrufen hatte. Ich habe mich aber entschieden, die schnellere Variante zu behalten. Die 3 Euro sind gut angelegt... Jetzt hoffe ich, dass mit der Gutschrift alles dann wieder passt und die nächste Rechnung nicht die nächste Überraschung bereit hält.